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Schatten im Spiegel

Ich sah mein verzerrtes Gesicht im Spiegel. Von draußen hörte ich gedämpftes Gelächter von Kindern, aber hier drinnen im Spiegelkabinett herrschte eine unheimliche Stille. Ich hätte nicht hierher kommen sollen. Ich hätte wissen müssen, dass ich hier keine Freude finden würde, sondern nur Oberflächlichkeiten. Mein Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln und das Gesicht im Spiegel verwandelte sich in eine hässliche Fratze. Ich wandte mich ab. Wo war mein Sinn für Humor, wo waren die glücklichen Tage hin? Ich konnte mich erinnern, hier mit Freunden gewesen zu sein. Ich hatte gelacht. Was für eine seltsame Vorstellung.

Ich verließ das Spiegelkabinett und sah vor mir einen einsamen Baum stehen, der Wind riss ihm die Blätter von den Ästen. Es war Herbst.

Links von mir war eine handvoll Kinder, die in einem Kreis um einen Clown standen. Er jonglierte gewollt ungeschickt und die Kinder lachten und zeigten mit dem Finger auf ihn.

Ich wollte das Gelächter der Kinder nicht länger ertragen und entfernte mich von ihnen. Ein Windstoß fuhr an mir vorbei und ich fröstelte. Wieso hatte ich keine Jacke mitgenommen? Vielleicht wollte ich frieren, vielleicht wollte ich, dass es mir schlecht ging. Verlassene Stände mit Zuckerwatte und Luftballons zogen an mir vorbei und ich wunderte mich darüber, dass der Jahrmarkt so leer war. Sicher, es wurde langsam Abend und das Wetter war nicht das beste, aber außer den Kindern hinter mir, sah ich keine Menschenseele.

Ein Regentropfen fiel auf meine Nasenspitze. Verdammt. Natürlich hatte ich nicht nur keine Jacke, sondern auch keinen Regenschirm dabei. Dem Regentropfen folgten weitere und es dauerte nicht lange, bis das Wasser in einem wilden Stakkato auf den Boden platschte. Ich hastete zum nächsten Unterstand, einem Eisladen, und verfluchte meine Dummheit. Selbst der kurze Moment im Regen hatte mich fast bis auf die Haut durchnässt und nun fror ich noch stärker. Ich lehnte mich gegen die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. Mein Wagen stand beim Ausgang des Jahrmarkts und der war ganz am anderen Ende des Platzes.

Großartig.

Ich überlegte, wie ich möglichst trocken zu meinem Auto kommen konnte. Vielleicht würde ich irgendwo einen Regenschirm oder eine Jacke kaufen können oder ich wartete ab, bis der Regen nachließ. Aber zumindest Letzteres sah nicht danach aus, als würde es in nächster Zeit eintreten. Ich drehte mich um und sah durch ein Fenster in den Eisladen, es war niemand da und die Tür war abgeschlossen.

Es wurde schnell dunkler und ich hatte nicht sehr viel Lust die Nacht über im Jahrmarkt eingesperrt zu sein. Ich seufzte und hastete mit gesenktem Kopf in Richtung Ausgang. Der Regen stach wie mit Messern auf meine nackte Haut und zog den letzten Rest Wärme aus meinem Körper. Ich achtete nicht auf den Weg und ärgerte mich über den Matsch, der auf meine Hose spritzte. Der Regen und das Pfeifen des Windes, war das Einzige, was ich hörte und ich stieß nicht auf ein menschliches Wesen.

Vor mir, am Rande meines Blickfelds tauchte ein Metallzaun auf und ich wurde langsamer und sah auf. Der Weg endete dort und ging weder nach links noch nach rechts weiter. Am Wegesrand standen verschiedene Buden und vor mir hinter dem Zaun stand ein Riesenrad, das ich nur als Schatten erkennen konnte. Ich runzelte die Stirn und wunderte mich, dass es bereits so dunkel war. Viel mehr aber irritierte mich die Tatsache, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich war. Ich wusste, dass ein Riesenrad auf dem Jahrmarkt stand, aber es stand am Rand und nicht hier, ganz gleich wo hier überhaupt war. Ich fluchte und drehte mich um.

Keine fünfzig Meter entfernt, stand der Clown von vorhin und jonglierte – nicht mit Bällen, sondern mit Messern. Ein diabolisches Grinsen war auf seinem Gesicht und der Regen schien ihn nicht zu stören. Er stand einfach da, jonglierte und grinste mich an.

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen rief ich: »Können Sie mir sagen, wo der Ausgang ist?«

Sein Grinsen wurde breiter und er kam langsam auf mich zu. Ich wich zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Metallstangen des Zauns.

»Hören Sie, ich finde das nicht witzig!«

Er lachte und machte eine ruckartige Bewegung aus dem Handgelenk heraus. Eines der Messer zischte dicht an meinem Ohr vorbei. Ich riss die Augen auf. Der Typ war vollkommen durchgeknallt!

Ohne mich umzudrehen tastete ich den Zaun nach einem Durchgang ab. Der Clown war nur noch zehn Schritt entfernt und kam langsam aber stetig näher. Sein breites Grinsen ließ mir einen Schauer über den Rücken laufen.

Jemand packte mich von hinten am Arm und ich erstarrte. Für einen Moment schien es mir, als würde über die Miene des Clowns ein Ausdruck der Enttäuschung huschen. Ich wurde nach hinten gerissen und sah nur noch Dunkelheit.

Ich öffnete die Augen und sah eine Holzdecke über mir. Meine Klamotten klebten vor Nässe an meinem Körper und ich spürte den schnellen Herzschlag in meiner Brust. Ich erwartete, jeden Moment von einem Messer durchbohrt zu werden und das grässliche Grinsen des Clowns über mir zu sehen.

Nichts geschah.

Ich richtete mich auf und sah, dass ich mich im Spiegelkabinett befand. Was zum ...? Der Spiegel vor mir war zerbrochen und um mich herum lagen Glassplitter. Vorsichtig stand ich auf und sah mich um. Bis auf den zerstörten Spiegel sah hier nichts ungewöhnlich aus.

Aus den Augenwinkeln sah ich eine Bewegung im Spiegel. Ich zuckte zusammen und drehte mich um. Nein, da war nichts. Wahrscheinlich hatte ich nur mich selbst gesehen. Ich hastete zum Ausgang und trat nach draußen. Die Sonne schien auf mich herab und der Jahrmarkt war voller Menschen. Als würde ich aus einer anderen Welt kommen, schlugen die Geräusche, das Raunen der Menge und die Musik der Stände, über mir zusammen.

Ich atmete auf. Es war alles nur ein böser Traum gewesen. Zum ersten Mal seit Wochen stahl sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Erleichtert mischte ich mich unter die Menge.

Die Sonne trocknete die Feuchtigkeit eines vergessenen Regens.


© 2005 Sune Donath