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Nur eine Mauer

Anmerkung: Die Geschichte ist eine neugeschriebene Version meiner Realschulabschlussarbeit in Deutsch. Die Aufgabe war, mit Hilfe eines knappen Resumés eine Kurzgeschichte zu schreiben. Von daher ist die Idee der Geschichte nicht von mir.


Ich begegnete ihm auf der Krankenstation in Zimmer 52. Destino nannte ich ihn - Schicksal.

Jeden Tag sah er von seinem Bett aus dem Fenster und quälte mich mit seinen Beschreibungen von der Welt da draußen. Selbst die Sonne hatte sich dazu entschlossen, nicht weiter als bis kurz vor die Laken meines Betts zu scheinen und so zitterte ich, während ich versuchte, Destinos Stimme zu ignorieren. Aber immer wieder gelang es ihm, einen Funken der Hoffnung in mir zu entfachen, dass ich eines Tages wieder die Welt da draußen würde genießen können und vergrößerte damit nur den Schlund meines Leidens.

»Dort sitzt ein Mann auf der Parkbank und liest seine Zeitung«, sagte Destino, den Blick aus dem Fenster werfend. »Neben ihm springen ein paar Tauben herum und suchen nach Essensresten.« Er lächelt. »Sie sind so von ihrer Suche beansprucht, dass sie gar nicht den Jungen bemerken, der sich von hinten anschleicht.«

Warum tat Destino das nur? Wollte er mich leiden sehen?

»Von rechts kommt eine Mutter mit ihrem Kinderwagen. Sie unterhält sich mit ihrer Freundin, die neben ihr geht. Die beiden achten nicht so sehr auf den Pfad.« Er fing an zu grinsen. Drei langsame Sekunden herrschte Schweigen, aber ich wagte nicht zu hoffen ...

»Der Junge stürzt sich auf die Tauben, die hochfliegen und die anderen Drei zucken zusammen.« Er lachte. »Die Zeitung des alten Mannes wurde von einer Taubenbombe getroffen.«

Wie sollte ich das nur überstehen?

In der nächsten Nacht wachte ich von gurgelnden Geräuschen auf. Destino schlug um sich und versuchte Luft zu bekommen. Ich konnte die Krankenschwester rufen, aber sollte ich das wirklich tun? Hätte ich einen Gott gehabt, hätte ich ihn um Verzeihung gebeten ...

Nachdem der Leichnam aus dem Zimmer geschafft war, bekam ich den Platz am Fenster. Ich blieb ruhig in meinem Bett liegen und ließ mich von der Sonne bescheinen. Endlich war der Augenblick gekommen, in dem ich ein Sichtfenster in die Realität erhalten hatte. Nie mehr musste ich mir vorstellen, was für eine Pracht Destino gesehen hatte, sondern konnte sie mit eigenen Augen bewundern.

Ich richtete mich auf und sah hinaus.

Dort war nichts ... nur eine Mauer.


© 2003 Sune Donath