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Kontaktanzeigen

Die Zeitung lag aufgeschlagen vor mir auf dem Tisch. Kontaktanzeigen. Ich fand es amüsant, wie viele Menschen versuchten, durch romantische Abkürzungen, die in jeder Anzeige nur leicht variierten, einen Partner zu finden. Sätze wie »Sie, 27/168, schlk., su. große Schulter z. Anlehnen« gefolgt von Chiffre-Nummern zogen an meinem Blick vorbei. Das Wort »schlk.« tauchte erstaunlich oft auf und mir kam der Gedanke, dass es nicht nur »schlank«, sondern auch »schlaksig«, »schlafkrank« oder auch »schicksalsbekämpfend« heißen mochte. Vor meinem inneren Auge bildete sich der Satz »Ich, schlk., suche Möglichk. schlk. aber nicht schlk. zu werden.«

Absurd. Ich sollte aufhören, diesen Mist zu lesen. Aber wo ich schon einmal angefangen hatte, las ich weiter. Fast am Ende angelangt stieß ich auf eine Anzeige, die mich stutzen ließ:

»Wenn du mich siehst, wirst du mich kennen. Wir sehen uns am Marktplatz um Mitternacht.«

Sonst nichts.

Hä?

Sollte das der Versuch sein, durch pseudo-mystische Rätselhaftigkeit Aufmerksamkeit zu erlangen? Aber wieso war dann keine Chiffre-Nummer angegeben? Ich sah auf die Uhr und stellte fest, dass es noch etwas mehr als vier Stunden bis Mitternacht waren. Sollte ich hingehen?

Nein, natürlich nicht. Ich konnte diese lächerliche Anzeige nicht ernst nehmen.

Ich blätterte weiter und las, was für Filme heute Abend im Kino liefen. Einer davon schien mir interessant zu sein und bestimmt war es einer dieser Filme, die nur ein paar Tage im Kino liefen und dann wieder verschwanden. Wie bei den meisten etwas anspruchsvolleren Filmen. Ich warf noch einen kurzen Blick auf die Uhr, legte die Zeitung beiseite und stand auf. Da ich nichts anderes vorhatte und in den nächsten Tagen einiges an Arbeit auf mich zukommen würde, würde mir ein entspannter Abend im Kino sicher gut tun.

Ich schlüpfte in meine Schuhe, warf meine Jacke über die Schulter und ging nach draußen. Der Abend war noch warm und so schlenderte ich durch die Straßen. Beim Kino angekommen dauerte es nicht lange, bis ich hereingelassen wurde und mich den Saal setzte, wo der Film lief, den ich sehen wollte. Ich wunderte mich nicht weiter darüber, dass die Hälfte der Sitze unbesetzt waren. Der Vorhang ging auf und der Film fing an.

Ich lehnte mich zurück.

Die Bilder flogen an mir vorbei, aber ich konnte mich nicht auf den Film konzentrieren. Eine mentale Unruhe hatte mich gepackt und meine Gedanken sausten wirr durch den Kopf. Ich versuchte sie auf geordnete Bahnen zu lenken, aber es war vergeblich. Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich auf die Leinwand und mein Kopf fing an zu brummen.

So hatte das keinen Sinn. Ich stand auf, verließ den Saal und ging zur Toilette. Mein Spiegelbild über dem Waschbecken starrte mich vorwurfsvoll an. Ich beugte mich hinunter und spritzte mir Wasser ins Gesicht. Sollte dies nicht ein entspannter Abend werden? Was hinderte mich also daran, mich zu entspannen?

Ich ging zurück und öffnete die Tür zum Kinosaal und sah, dass über die Leinwand bereits der Abspann flimmerte. Ich drehte mich um und ging. Draußen war es dunkel und ein kühler Wind wehte mir entgegen. Ich zog meine Jacke an und schlenderte ohne nachzudenken in eine Richtung los.

Nur wenige Menschen waren noch auf den Straßen. Ein einsamer Hund lief an mir vorbei. Wohin er wohl unterwegs war? Glockenläuten riss mich aus meinen Gedanken und ich sah auf. Die Turmuhr über mir schlug Mitternacht. Ich sah mich um und versuchte mich zu orientieren. Ich war am Rand des Markplatzes.

Was hatte mich hierher geführt? Der Marktplatz lag nicht einmal auf dem Weg nach Hause, warum also war ich hier? Wegen der Anzeige?

Nein.

Ich musste gedankenversunken durch die Straßen gewandert sein und zufällig war ich hier gelandet. Einen anderen Grund konnte es nicht geben. Ich drehte mich im Kreis und überlegte, wie ich am besten zu meiner Wohnung gelangen konnte. Da sah ich sie. Sie saß am Brunnen mit dem Rücken zu mir und hatte ihren Kopf auf die Hände gestützt. Das musste die Frau sein, die die Anzeige geschrieben hatte. Ich warf einen Blick in die Runde, ansonsten war niemand hier. Zögerlich ging ich auf sie zu, ich konnte einfach nicht widerstehen, sie auszufragen. Ich wollte wissen, was für eine Art Mensch sie war, dass sie eine so seltsame Kontaktanzeige in die Zeitung setzte. Als ich näher kam, stellte ich fest, dass sie nach oben sah. Ich folgte ihrem Blick und sah den Mond zwischen den Wolken. Eine Träumerin also? Dunkles Haar fiel ihr offen auf die Schultern herab.

Ich blieb neben ihr stehen. Sie sah mich nicht an, aber ich wusste, dass sie mich bemerkt hatte. Ich wartete ab. Sie wies mit dem Kopf auf den Platz neben sie, aber das war ihre einzige Bewegung. Die Augen hatte sie immer noch auf den Mond gerichtet. Ich öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Was sollte das hier? Ich setzte mich neben sie und sah sie aus den Augenwinkeln an. Mich überkam das Gefühl, sie schon einmal gesehen zu haben, aber ich konnte nicht sagen wann und wo.

Schließlich sagte sie: »Die Nacht ist fast zu schön, um allein zu sein, nicht wahr?«

»Sagst du das zu jedem, der hier vorbei kommt?« Ich war fest entschlossen, ihr Spiel nicht mitzumachen.

Sie drehte den Kopf und sah mich zum ersten Mal an. Ihre Augen schimmerten. »Du hast dich doch zu mir gesetzt.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Ich bin bestimmt nicht der, den du erwartet hast, was?«

Sie runzelte die Stirn.

»Aber du brauchst dir nichts einzubilden, ich war nur zufällig in der Gegend.«

Sie schüttelte den Kopf. »Wovon zum Teufel redest du?«

»Schon gut.« Ich wandte den Kopf ab und sah hoch zum Mond. Er war zwischen den Wolken verschwunden.

Die Frau warf mir einen schrägen Blick zu und sah dann auch hoch. Sie seufzte. »Mir kam gerade der Gedanke, dass ich die Sterne schon seit Wochen nicht mehr gesehen habe.«

»Ist das schlimm?«

Sie lächelte. »Ist es schlimm, wenn kein Vogel mehr singt?«

Ich schwieg. Sie war überhaupt nicht das, was ich erwartet hatte. Sie stellte keine blöden Fragen und versuchte auch nicht die Stille mit sinnlosem Geplauder auszufüllen.

»Ich wohne hier in der Nähe«, sagte sie, »wie kommt es, dass ich dich noch nie gesehen habe?«

»Vielleicht weil ich sonst nie so spät hier bin.«

»Wieso heute?«

Bestimmt wollte sie, dass ich zugab, dass ich nur wegen ihrer Anzeige hierher gekommen war. »Ich war im Kino und bin auf dem Weg nach Hause.«

Sie sah auf die Kirchturmuhr über uns. »Ah.«

Sie glaubte mir nicht. Egal. »Und was machst du hier?«

»Ich sehe mir den Mond an.«

»Ah.« Ich wusste nichts mehr zu sagen. Wir schwiegen eine Weile, aber es war kein unangenehmes Schweigen.

»Um ehrlich zu sein«, sagte sie nach einigen Minuten, »war ich auf einer Feier und habe etwas mehr getrunken, als ich es hätte tun sollen. Auf dem Weg nach Hause wurde mir schwindelig, darum habe ich mich hierhin gesetzt.« Sie lächelte. »Mittlerweile geht es mir besser, aber der Mond hält mich gefangen.«

Ohne darüber nachzudenken erwiderte ich das Lächeln. »So wie du das erzählst, hört sich das so an, als wärst du nur zufällig hier.«

Sie hob eine Braue. »Wieso sollte ich sonst hier sein?«

»Ich habe heute die Zeitung gelesen, weißt du?«

»Und?«

Wieso wollte sie nicht über ihre Anzeige reden? War es ihr peinlich? Hatte sie sie vergessen? »Ach, schon gut.«

»Du bist ein seltsamer Typ.«, sagte sie.

Ich erwiderte nichts.

Sie sah zu mir herüber. »Aber wenn ich so etwas sage, kannst du das als Kompliment nehmen.«

Ich sah sie an.

Sie lächelte schief. »Ich mag seltsame Typen.« Sie lachte. »Mir wird ja selbst oft genug gesagt, dass ich seltsam bin.«

»Ich weiß gar nicht ...«

»Vergiss es.« Sie seufzte und stand auf. »Ich muss leider zu Bett, wenn ich morgen auf der Arbeit noch brauchbar sein soll.«

Ich stellte mich neben sie.

Sie holte ein zerknittertes Stück Papier aus der Tasche und schrieb etwas darauf. »Hier«, sagte sie, »meine Nummer. Ich würde gerne wieder etwas von dir hören.«

»Aber du weißt doch nicht einmal meinen Namen.«

»Nein, aber das lässt sich ändern, nicht wahr?« Sie drückte mir das Papier in die Hand und lächelte. »Hoffentlich bis dann.« Sie ging ein paar Schritte rückwärts, drehte sich dann um und ging weg.

Ich rief ihr nach: »War eine gute Idee mit der Anzeige!«

Sie blickte über die Schulter zurück. »Welche Anzeige?«

Ich blinzelte. Welche Anzeige ...? Ich lächelte entschuldigend. »Schon gut.«

Sie erwiderte das Lächeln. Dann war sie weg.


© 2005 Sune Donath