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Erzähl mir vom Leben

Natürlich war ich bereits tot, als ich den Schuss der Pistole hörte. Verdreckt saß ich in einer Gasse und starrte auf den Abfalleimer vor mir, wartete auf Polizeisirenen und jemanden, der mich in die Hölle führte. Ich würde nicht in den Himmel kommen und vielleicht wollte ich auch nicht dorthin.

Weitere Schüsse fielen.

Eigentlich sollte ich Freude empfinden, dass nun alles ein Ende finden würde, aber ich fühlte mich hohl. Ich blickte auf das Messer in meiner Hand. Hatte ich mir selbst das Leben nehmen wollen? Meine Erinnerung war eine breiige Masse, die sich ständig bewegte und neue Formen annahm.

Aus den Augenwinkeln nahm ich eine Gestalt wahr, die auf mich zutorkelte. Ich drehte meinen Kopf und sah eine Frau, die ihren rechten Arm mit der linken Hand umklammert hielt. Blut lief von ihren Fingern herab und tropfte auf den Boden.

»Hilfe«, hauchte sie und fiel vor meine Füße - ohnmächtig. Sie sah aus, wie der Engel, der mich in die Hölle verbannen sollte. Mein Blick wanderte von ihr zu meinen Messer und wieder zurück. Ich seufzte und steckte das Messer in meinen Gürtel, packte die Frau unter den Achseln und zog sie hinter einen Müllhaufen, wo ich neben ihr sitzen blieb. Vermutlich würde sie verbluten, wenn ich nichts unternahm. Ich stellte mir vor, wie sie langsam blasser wurde, aufhörte zu atmen und holte mein Messer wieder hervor. Mit Stoffstreifen von meinem Mantel wagte ich es nicht, sie zu verbinden, da sie sonst an einer Blutvergiftung sterben würde. Also zerschnitt ich den unteren Teil ihrer Bluse und starrte ungläubig auf ihren Bauch. Mann, das waren schon ein paar Jahre her, seit ich so etwas erblicken durfte. Dort, wo ihre Rippen ansetzten, zierte ein kreisrunder blauer Fleck ihre ansonsten makellose Haut. Sie war angeschossen worden, hatte aber eine kugelsicheren Weste getragen, vermutete ich. Ich riss mich von dem Anblick los und verband ihren Arm. Sie rührte sich und öffnete die Augen.

»Wo ...?«

Ich sah mich um. »Keine Ahnung.« Das passierte mir in letzter Zeit häufiger.

Ihre Hand schoss nach oben und drückte meine Kehle zu. »Wer bist du?«

»Dein Arm«, keuchte ich und blickte diesen übertrieben deutlich an. Der Verband färbte sich rot.

»Warst du das?«

»Ich ... verbunden.«

Sie ließ meine Kehle los, biss die Zähne zusammen und murmelte etwas.

Ich schnappte nach Luft. »Was?«

»Ich sagte: Danke«, zischte sie.

»Oh.«

»Hast du eine Wohnung?«

Hatte ich die Miete bezahlt? Hatte ich den Haustürschlüssel bei mir? Ich war mir nicht sicher und nickte zögerlich.

»Gehen wir.«

»Krankenhaus?«

»Zu gefährlich. Los, zeig mir den Weg zu dir.« Sie stand auf. »Und nenn mich Lyn.«

Normalerweise hasste ich es, Befehle entgegen zu nehmen, aber bei ihr machte ich eine Ausnahme. Sie war hübsch und außerdem hatte sie, wie ich aus den Augenwinkeln wahrnahm, eine Waffe.

»Würde es dir etwas ausmachen, mich zu erschießen?«, fragte ich.

»Bitte?«

»Schon gut.«

Lyn runzelte die Stirn.

Ich zuckte mit den Achseln. »Zu meiner Wohnung, ja?«

Sie hob zustimmend eine Braue.

»Äh, hier lang.« Ich wählte auf gut Glück eine Richtung aus. Natürlich war es ein Kopfsprung ins Ungewisse - die Frau namens Lyn war gefährlich und diejenigen, die auf sie geschossen hatten, würden vielleicht wiederkommen, um zu vollenden, was sie angefangen hatten. Ich hätte Lyn die Sache alleine ausbaden lassen sollen, aber die Chance, endlich Vergessen zu finden, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Selbst wenn ich nicht mit einer Kugel im Kopf endete, wäre es mit dieser mysteriösen Unbekannten nicht langweilig. Und sie brachte mich auf andere Gedanken - ihr Bauch war immer noch frei.

»Wo starrst du hin?«

Ich sah auf. »Auf deinen Bauch.«

Sie funkelte mich an. »Lass es.«

»Er ist schön.«

»Vergiss es.«

Seltsam, ich fühlte mich fast wieder lebendig.

In meiner Wohnung war es dunkel. Die Stromrechnung lag in dem Haufen Briefe hinter der Eingangstür und im Flur neigte sich ein kleiner Busch vorwurfsvoll dem Boden entgegen. Er war mal grün gewesen.

»Hübsch«, sagte Lyn und ging ins Badezimmer - so selbstverständlich als wäre sie hier zu Hause.

Voller Vorfreude wartete ich in der Küche darauf, dass sie wieder herauskam. Seit dem ... Vorfall damals hatte ich mich nicht mehr so gefühlt.

Nach fünf Minuten kam sie mit einem neuen Verband um ihren Arm wieder heraus. Ich konnte mich nicht erinnern, einen Erste-Hilfe-Kasten im Bad zu haben, aber ich wunderte mich nicht weiter.

»Ich gehe wieder «, sagte sie. »Du hast mir das Leben gerettet.«

Ich musste schlucken. Ich ... ich meine, ich hatte ihr das Leben gerettet. Wow. Und dabei war ich fast schon tot gewesen.

Sie kam näher, hauchte ein leises »Danke« in mein Ohr, legte ihren linken Arm um mich und gab mir einen Kuss. Nur widerwillig löste ich mich wieder aus der Umarmung und sah, wie sie auf die Tür zuging.

»Warte!«, rief ich. »Ich lebe wieder!«

Sie sah über die Schulter zu mir zurück und lächelte traurig. »Folge mir nicht, wenn du weiterleben willst. Vergiss meinen Namen, mach Urlaub oder sonstwas, entspann dich, aber vergiss mich nicht.«

Dann war sie weg.


Anmerkung: Ich habe diese Geschichte für eine Schreibaufgabe auf Leselupe.de geschrieben. Folgende Wörter mussten enthalten sein: verdreckt, Kopfsprung, hohl, Vorfreude, langweilig, Busch, Umarmung, ausbaden, Abfalleimer, Urlaub, ungläubig, blauer Fleck


© 2004 Sune Donath